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Full text of "Arbeitsbericht [1933]"

von 
Professor Dr. Hans Mersmann. 



Eine Reihe in der Öffentlichkeit gegen mich erhobener An- 
griffe veranlasst mich, zur Richtigstellung einige Angaben über mei- 
ne Person und meine Tätigkeit während der letzten Jahre zusammen- 
zustellen» 

Ich bin arischer Abstammung, die Familie meines Vaters 
stammt aus Braunschweig« Der Grossvater meines Vaters war herzog- 
licher Geheimsekretär, der Vater Beamter, mein Vater selbst ist 
Apotheker. Die Familie meiner Mutter ist seit dem 30jährigen Krieg 
nachweisbar und hat viele Generationen hindurch das Pfarramt in 
Bisholz in der Mark verwaltet. Die Familie ist in Potsdam ansässig 
(Krumbhol tz) . Ich selbst bin 1891 geboren, bin als Musikwissen- 
schaftler Schüler Hermann Kretzschmars , promovierte Anfang 1914, 
rückte November 1914 als Kriegsfreiwilliger (nicht ausgebildeter 
Infanterist) ins Feld und wurde nach halbjährigem Frontdienst in 
Russland mit schwerem Herzleiden entlassen. Ich lebe seit I918 in 
Berlin, habilitierte mich 1921, wurde 1927 a.o.Prof essor an der 
Technischen Hochöchule, bin Mitglied deutscher und ausländischer 
wissenschaftlicher Institute, Mitglied und Delegierter der deutschen 
Volkskunstkommission. 

Ich bemerke noch, dass ich keiner politischen Partei ange- 
höre und niemals politisch in irgend einer Weise hervorgetreten 
bin, da ich mich gesinnungsgemäss mit keinem parteipolitischen Pro- 
gramm der Vergangenheit identifizieren konnte. 

Meine Frau, Dr. rer.pol. geb. Seutter , ist Tochter des ver- 
storbenen Fabrikdirektors Seutter in Augsburg. Ich habe drei 
Kinder. 

Da die Angriffe gegen mich vor allem im Zusammenhang mit 
meiner Tätigkeit als Leiter der Musikabteilung der Deutschen Welle 
und des Deutschlandsenders erfolgten, gebe ich zunächst einen Be- 
richt über diese Arbeit. Er erstreckt sich auf den Zeitraum vom 
1. April 1932 bis 28. Februar 1933. 



- 2 - 



II. 



Im April 1932 wurde die Musikarbeit der Deutschen Welle 
unter meiner Leitung zusammengefasst. Vorher hatte die Gemein- 
nützige Vereinigung zur Pflege deutscher Kunst den gelegentlichen 
Bedarf an Musik bestritten; daneben hatte die Deutsche Welle eige- 
ne musikpädagogische Veranstaltungen durchgeführt. Unter ihnen 
befanden sich die Arbeitsgemeinschaften, welche ich als Dozent 
der Deutschen Welle schon seit 1927 veranstaltet hatte. Form die- 
ser regelmässig l-2mal wöchentlich stattgefundenen Arbeitsgemein- 
schaften waren freie Gespräche von vier bis sechs Teilnehmern vor 
dem Mikrophon. Ihr Ziel war: breitesten Volksschichten den Weg zum 
Musikverstehen zu ebnen und sie zu eigener musikalischer Betäti- 
gung anzuregen. 

Auf Grund dieser Erfahrungen wurde die Musikarbelt der 
Deutschen Welle mit Erweiterung der musikalischen Sendungen auf 
eine tägliche Sendestunde ausgebaut. Im Gegensatz zu den anderen 
Sendegesellschaften war die Deutsche Welle zu einer ausgesprochen 
pädagogischen Haltung verpflichtet; sie durfte keine musikalischen 
Sendungen konzertmässiger Art ohne gesprochenes Wort veranstalten. 
Mit Rücksicht auf die zahlreichen, in kleinen Städten und auf dem 
Lande lebenden Hörer wurde die tägliche Musiksendung zu einem ein- 
heitlichen Wochenplan durchgebaut, der, in sich möglichst abwechs- 
lungsreich, durch seine ständige Wiederkehr die Kontinuität der 
Arbeit verbürgte. Dieser Wochenplan hatte folgendes Gesicht: 

Montag: Musizieren mit unsichtbaren Partnern (Just), 

der Hörer musiziert mit dem Lautsprecher. 

Dienstag: Musikpädagogische Arbeitsgemeinschaft , an wel- 
cher sich der Hörer durch Einsendungen von Lö- 
sungen oder Zuschriften beteiligt. 

Mittwoch: Vortrag mit Beispielen über ein allgemeinver- 
ständliches Thema. 

Donnerstag: Musikalischer Zeitspiegel. Neue Musik, die dem 

Hörer nach Möglichkeit auch technisch erreichbar 
ist mit Einführungen. 

Freitag: Collegium musicum. Alte Musik, Erschliessung 

unbekannter Werke , praktische Vorführung ver- 
schiedener Ausführungsmöglichkeiten. 



- 3 ~ 

Sonnabend: Musikalische Wochenschau . Einführung in das 

Wochenprogramm aller deutscher Sender, aktuelle 
Fragen des Musiklebens in Kurzvorträgen oder 
Gesprächen. 

Mach diesem Plan wurde bis zum Ende des Jahres 1932 gear- 
beitet; nur das gemeinsame Musizieren der Montag- Sendung blieb 
sich in der Form gleich. In den übrigen Teilen des Programms konn- 
ten wechselnde Inhalte geschaffen v/erden. Z.B. wurde das "Colle- 
gium musicum" mehrfach bis zum Orchester erweitert, der "Zeitspie- 
gel" brachte gelegentliche Uraufführungen wichtiger neuer Werke, in 
der "Wochenschau" erschienen repräsentative Persönlichkeiten des 
Musiklebens vor dem Mikrophon. Neben diesem Programm wurden ge- 
legentlich auch Abendstunden besetzt. Ausserdem fanden regelmässig 
"musikalische Kinderstunden" statt, deren Programm ein verkleiner- 
tes Abbild der gesamten musikpädagogischen Arbeit gab. 

III. 

Mit der Umwandlung der Deutschen Welle in den Deutschland- 
sender am 1. Januar 1933 ergaben sich auch für die Musikabteilung 
völlig neue Aufgaben. Die Deutsche Welle hatte wesentlich päda- 
gogische, der Deutschlandsender wesentlich künstlerische Absichten. 
Die frühere pädagogische Arbeit wurde auf drei Nachmittagssendungen 
zusammengedrängt; unter ihnen befand sich das "Musizieren mit un- 
sichtbaren Partnern", das auf Grund der starken Zustimmung aus den 
Hörerkreisen fortgesetzt wurde. 

Die Unterhaltungsmusik, die in Form von Übertragungen auch 
schon in dem früheren Programm der Deutschen Welle bestanden hatte, 
wurde nun teilweise in eigene Regie genommen. In dieser Richtung 
lag der Gedanke des " Täglichen- Hauskonzertes " , das jeden Tag eine' 
halbe Stunde guter klassischer und romantischer Musik in hochwer- 
tiger Ausführung in das deutsche Haus hineintragen sollte. Er um- 
fasste vokale und instrumentale, solistische und kammermusikali- 
sche Darbietungen. 

Daneben spielte nun auch die Musik im Abendprogramm eine 
entscheidende Rolle. Hier wurde ein Ausgleich zwischen den Über- 
tragungen von anderen Sendern und der eigenen Programmgestaltung 



- 4 - 

geschaffen, sodass der Deutschlandsender in den Monaten Januar und 
Februar 1933 zum ersten Male mit eigenen wesentlichen Veranstal- 
tungen hervortreten konnte. Zu ihnen gehörten die Studienauf füh- 
rungen wichtiger neuer und wenig bekannter älterer Werke wie z.B. 
des dramatischen Oratoriums "Der arme Lazarus" von Schubert. Hier- 
zu gehörte ferner die Reihe der Hörfolgen und gemischten Sendungen, 
welche aus der Zusammenarbeit von Literatur- und Musikabteilung 
erwuchsen. 

Den erweiterten künstlerischen Bedürfnissen korinte dadurch 
entsprochen werden, dass auch eine grosse Reihe prominenter Künst- 
ler im Abendprogramm mitwirkten, während das "Tägliche Hauskonzert" 
auch gelegentlich jüngeren Künstlern die Möglichkeit des Auftre- 
tens bot. Daneben wurden ein Kammerorchester und ein Kammerchor 
gebildet, die im Gegensatz zu den grossen Apparaten der übrigen 
Sendegesellschaften die besondere Aufgabe hatten, mit einer gerin- 
gen Zahl von Mitwirkenden rundfunkeigene, auf kleine Raumwirkung be- 
rechnete Werke aufzuführen. Aufbau und Leitung von Chor und Orche- 
ster hatte Generalmusikdirektor Rudolf Schulz-Dorn- 
burg. Beide Klangkörper traten schon von Mitte Januar an re- 
gelmässig in eigenen Sendungen auf. Ihre Rentabilität konnte Ende 
Februar bereits als gesichert angesehen werden. 

Aus den eigenen Sendungen des Abendprogramme s in den Mona- 
ten Januar und Februar seien folgende erwähnt: 
Händel, Concerto grosso Nr ..3 (Reichssendung) 
Verdi, Lieder (Uraufführung) 

"Sehnsucht nach der Heimat", (gemischte Sendung Literatur u. Musik) 
Strawinsky, Oedipus rex (Studienaufführung) 
Vivaldi, Violinkonzert (Uraufführung) 
Schumann, acht unbekannte Polonaisen (Uraufführung) 
Spohr j Klarinettenlieder 

Schubert, Der arme Lazarus (Erstaufführung) 
Hörspiele: 

"Richard Wagner stirbt in Venedig" R. Schulz-Dornburg 
"Mozart" Hans Mersmann 



IV. 

Statistische Zusammenfassung über die am Deutschlandsen- 
der in den Monaten Januar und Februar zur Aufführung gelangte 
Musik: 

Komponisten Tgl. Hauskonzert Nachm. Programm Abd. Programm 
Musiker vor Bach 11 2 9 



Bach u.Händel 



Deutsche Klassiker: 

Haydn, Mozart, 15 6 9 

Beethoven 

Deutsche Romantiker 23 - 9 

Chopin, Verdi 5 - 2 

Lebende deutsche 

Komponisten 9 2 9 

Lebende nichtdtsch. 

Komponisten 1 1 4 

Aus dieser Zusammenfassung geht mit völliger Klarheit her- 
vor, dass der Deutschlandsender sich auch unter meiner Leitung 
vor allem die Pflege der deutschen klassischen und romantischen 
Musik zur Aufgabe gemacht hat, und dass "die Aufführung nichtdeut- 
scher Komponisten nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Pro» 
grammes ausmachte. - 

Es ist weiterhin der Vorwurf erhoben worden, dass ich auf 
Grund meiner Beziehung als Schriftleiter der Zeitschrift "Melos" 
mit dem Verlag Schott & Söhne, Mainz, die Produktion dieses Ver- 
lages bevorzugt hätte. Eine genaue, von der jetzigen Musikabtei- 
lung durchgeführte Statistik, welche bei dieser Abteilung aufbe- 
wahrt wird, beweist, dass die Produktion des Verlages Schott hin- 
ter der der anderen Verläge weit zurücksteht. 



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V. 



Ich füge diesem Bericht noch einige Bemerkungen über meine 
jetzige Tätigkeit bei. Diese beruht im wesentlichen auf der Lei- 
tung des Musikarchivs der deutschen Volkslieder. Dieses Archiv 
wurde 1918 von mir gegründet und hat die Aufgabe, alle auf deut- 
schem Sprachgebiet aufgezeichneten Volksliedmelodien zu verzeich- 
nen, einzuordnen und auszuwerten. (Veröffentlichung: "Grundlagen 
einer musikalischen Volksliedforschung", Verlag Kistner und Siegel, 
Leipzig, 1921 als Habilitationsschrift.) 

Meine Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule umfasste 
in den letzten Semestern die Beziehungen zwischen Musikgeschichte 
und den anderen Künsten, die durch den ganzen Zeitraum der abend- 
ländischen Geschichte untersucht wurden; ausserdem in einer Ar- 
beitsgemeinschaft die Grundlegung einer alle musikalischen Elemen- 
te zusammenfassenden Musiklehre und Analyse. (Veröffentlichungen: 
"Angewandte Musikästhetik' und vi Musikl ehre" Verlag Max Hesse, Berlin.) 

Meine wissenschaftliche Arbeit hat in den letzten Jahren 
besonders die Untersuchung der Kammermusik zum Gegenstand gehabt. 
Der noch fehlende erste Band meines vierbändigen "Führers durch die 
Kammermusik" ist eben erschienen (Verlag Breitkopf & Härtel). 
Meine künftige wissenschaftliche Arbeit wird die Fertigstellung 
einer auf etwa 700 Druckseiten berechneten "Kulturgeschichte der 
deutschen Musik" sein, für welche ein Vertrag mit dem Verlag Max 
Hesse vorliegt. 

Die Schrif tleitung der Zeitschrift "Melos" habe ich am 
l.März d.J. niedergelegt.